Club Magazin SSGR

... wissen was los ist

Unser Jens Moerscheidt hat’s wieder getan: Grandmaster-Titel in der Europe-Klasse. Der Rest der SSG-Rottachsee-Truppe war ebenfalls mitten im Geschehen – nur eben nicht ganz so weit vorne. Schwamm drüber. Dafür gab’s am Comer See wirklich alles, was eine Regatta interessant und Segelklamotten dauerhaft feucht macht: Flaute mit Dauerregen, Starkwind, Holz, Hitze und Kälte.

Wer ein paar Tage früher nach Colico kam, wurde zunächst bei 35 bis 37 Grad weichgekocht. Dazu die typische Thermik am nördlichen Comer See. Und die kann was. Bei guten fünf Windstärken mit knackigen Böen fühlt sich das ungefähr so an, als würde ein riesiger Föhn einschaltet. Permanent.

Der Comer See ist verzwickt und verzweigt. Zwei Seearme. zwei Täler (Val Chiavenna und Valtellina), hohe Berge ringsherum und daz Thermik. Da kommt der Wind manchmal träg, drehend und gelegentlich ziemlich überraschend böig zurück. Dazu eine kurze, steile Welle, hübsch angereichert mit Dampferwellen. Und weil das noch nicht reicht, fällt der Wind manchmal über die Berge herunter und sortiert Richtung und Welle noch einmal neu. Ergebnis: Wind von hinten, Welle von der Seite – oder irgendeine andere kreative Kombination.

Beim ersten fröhlichen Trainingsschlag am Dienstag war nach gut einer Stunde klar: Das hier wird kein gemütliches Gardasee-Hängen.

Das wird ruppig.

Mittwoch: Starttraining mit Verständigungsproblemen

Mittwoch. Traumwetter, warm, Sonne – und ordentlich Wind. Knapp fünf Windstärken standen auf dem Comer See, also genau die richtige Dosis für ein gepflegtes Starttraining. Eigentlich.

Denn bevor man einen Start trainieren kann, wäre es ausgesprochen hilfreich zu wissen, wann überhaupt gestartet wird.

Die Kommandos kamen vom Motorboot. Auf Italienisch. Akustisch irgendwo zwischen Windrauschen, Wellenklatschen und Außenborder. Sprachlich waren wir ebenfalls eher mäßig kompatibel. Kurz gesagt: Wir verstanden ungefähr nichts.

Also wurde aus dem geplanten Startertraining zeitweise eine etwas freie Interpretation des Themas: vorfahren, zurückfahren, Konkurrenz beobachten, wieder vorfahren, wieder zurückfahren. Zwischendurch vielleicht starten. Oder auch nicht. Dafür gab es reichlich Gelegenheit, sich anzuschauen, wie die anderen bei knapp fünf Windstärken mit dem ruppigen Comer See zurechtkommen.

Nach rund einer Stunde war zumindest eines klar: Segelzeit hatten wir. Starterfahrung – nun ja.

 

Donnerstag und Freitag: Regen. Sonst noch was? Regen.

Am Donnerstag war Schluss mit Sonne, Hitze und elektrischem Föhn. Der Himmel machte auf Allgäuer Landregen alter Schule: Einmal angefangen, dann konsequent durchziehen. Regen. Regen. Regen. Und zur Abwechslung: Regen.

Training? Fehlanzeige.

Also wurde gelegen und gelesen. Und wenn Liegen irgendwann nicht mehr ging, setzte man sich eben irgendwo hin und las dort weiter. Seglerisch betrachtet ein eher übersichtliches Tagesprogramm.

Das Highlight kam am Donnerstagabend: gemeinsames Pizzoccheri-Essen der deutschen Truppe. Pizzocherie, das sind die Kässpatzen aus dem Valtelina. Also ohne Spatzen, dafür mit Buchweizennudeln und Wirsing. 😉

Freitag, erster geplanter Regattatag: neues Spiel, gleiches Wetter. Es regnete weiter. Ordentlich. Und irgendwann war klar: Heute wird hier gar nichts mehr gesegelt.

Damit war der erste Regattatag schon Geschichte, ohne dass auch nur ein Startschuss gefallen war.

Die Konsequenz für Samstag fiel entsprechend sportlich aus: Startbereitschaft morgens um 8 Uhr.

Acht Uhr.

Bei einer Segelregatta in Italien. Jetzt wurde es ernst.

Kalt am Comer See

Samstag: Holz vor dem Eingang. Und im ganzen Comer See.

Samstagmorgen, 7.30 Uhr. Temperatursturz um gefühlte – und vermutlich ziemlich reale – 15 Grad. Statt Sommerhitze: saukalt. Dazu ein frischer Nordwind. Die ersten Boote waren aufgebaut, wir waren angezogen, fertig und tatsächlich bereit zum Segeln.

Nur ins Wasser kamen wir nicht.

Denn da war: Holz.

Nicht ein bisschen Treibholz. Nicht hier ein Ast und dort ein Brettchen. Sondern Prügel, Stämme, ganze Bäume. Die starken Regenfälle hatten derart viel Schwemmholz in den Comer See gespült, dass sich vor dem Club auf den ersten fünf, sechs Metern eine ziemlich beeindruckende Holzbarriere aufgebaut hatte. Kein Durchkommen. Auch die Motorboote der Wettfahrtleitung konnten nicht ins Wasser.

Also warten.

Und Warten bei einer Segelregatta ist eine eigene Disziplin. Rund 50 junge, dynamische Sportler stehen mit mehr oder weniger verschränkten Armen am Ufer und beobachten aufmerksam, wie andere das Problem lösen.

Allen voran die Clubpräsidentin.

Irgendwann hallte ihr deutlich angefressenes „Andiamo, ragazzi!“ über den Platz.

Die Mobilisierungswirkung war überschaubar.

Geschätzt drei Segler fühlten sich spontan angesprochen und stiegen ins Wasser. Der Rest vertraute offenbar auf die bewährte Strategie: Nur nicht hektisch werden, das Holz wird schon irgendwie verschwinden.

Tat es natürlich nicht.

Aber mit vereinten – nun ja, zumindest einigen – Kräften entstand schließlich eine schmale Schneise durch den schwimmenden Wald. Boote durch. Segler durch. Los ging’s.

Nordwind: Wo kommt er denn jetzt schon wieder her?
Am Vormittag standen drei Wettfahrten an. Der Nordwind frischte zeitweise bis auf etwa vier Windstärken auf und machte das, was der Wind in Colico offenbar besonders gerne macht: drehen.

Und zwar nicht ein bisschen.

Winddreher bis zu 30 Grad waren drin. Das Val Chiavenna auf der einen, das Valtellina auf der anderen Seite – dazwischen der See und wir mittendrin. Wer stumpf eine Seite des Kurses absegelte, konnte ziemlich schnell feststellen, dass der Wind inzwischen andere Pläne hatte.

Die Windkante zu erwischen war entscheidend. Links? Rechts? Wo kommt die nächste Böe herunter? Wo dreht es? Ein bisschen Segeln, ein bisschen Wetterlesen und zwischendrin gepflegtes Rätselraten.

Nach drei Wettfahrten bei Kälte war der Akku jedenfalls schon ordentlich angeknabbert.

Mittagspause.

Und dann kam das Holz zurück
Nachmittags setzte die Thermik ein.

Schön, könnte man meinen.

Allerdings hatte die Thermik noch jemanden dabei: unser Schwemmholz.

Was inzwischen gemütlich Richtung Süden getrieben war, kam mit dem neuen Wind wieder zurück nach Colico. Also dasselbe Spiel von vorne. Holz vor der Einfahrt. Holz im Wasser. Holz überall.

Irgendwie kamen wir trotzdem wieder hinaus.

Auch beim letzten Lauf des Tages war nichts mit Gemütlichkeit Der Himmel war klar, die Thermik baute sich richtig auf und plötzlich war wieder ordentlich Musik im See.

Nach insgesamt vier Wettfahrten war dann auch wirklich genug Europe gesegelt.

Am Abend lud der Club zum italienischen Abendessen. Sehr nett, sehr gesellig und genau die richtige Gelegenheit, den Tag noch einmal durchzukauen.

Allzu alt wurde allerdings niemand.

Nach Kälte, Nordwind, Winddrehern, vier Wettfahrten, Thermik und einem halben Wald im Hafen war bei den meisten schlicht der Stecker gezogen.

Italienische Europe Meisterschaft
Italienische Europe Meisterschaft

Sonntag: Jens Zweiter. Fast. Sehr fast. Und letztendlich doch.

Sonntagmorgen waren die Karten wieder komplett neu gemischt. Startbereitschaft diesmal erst um 11 Uhr. Die Idee: nicht gegen den Comer See arbeiten, sondern die früh einsetzende Thermik gleich mitnehmen.

Zunächst funktionierte das auch ganz wunderbar. Bei moderaten zwei Windstärken ging es los. Entspanntes Europe-Segeln. Fast schon verdächtig entspannt.

Und Jens?

Der lag kurz vor dem Ziel auf Platz zwei.

Nur noch eine Boje runden. Dann Richtung Ziel. Fertig.

Denkste.

Die Wettfahrt wurde abgeschossen.

Warum? Wusste erst einmal kein Mensch. Allgemeines Schulterzucken auf dem Wasser. Wir warteten. Und warteten.

Schließlich kam die Erklärung: Eine der GPS-gesteuerten Regattabojen hatte sich selbstständig gemacht. Warum genau, blieb ungeklärt. Vielleicht Technik. Vielleicht Schwemmholz. Vielleicht hatte so ein kapitaler Baumstamm beschlossen, dass ihm die Boje im Weg steht.

Wie auch immer: Die Position stimmte nicht mehr, die Wettfahrt war damit hinfällig.

Jens’ zweiter Platz ebenfalls.

Danke auch.

Warten auf Wind – bis davon reichlich da ist
Nun hatten wir Zeit.

Und die Thermik ebenfalls.

Während die Wettfahrtleitung das Bojenproblem sortierte, entwickelte sich der Comer See prächtig weiter. Der Wind legte zu. Und legte noch etwas zu.

Als es endlich wieder losging, hatte die Thermik ziemlich genau ihren kräftigsten Teil des Tages erreicht.

Jetzt wurde es sportlich.

Für einige irgendwann zu sportlich. Manche starteten noch, brachen dann ab und fuhren an Land. Andere segelten die Wettfahrt fertig und beschlossen anschließend: Das reicht für heute. Wieder andere nahmen auch die nächste Wettfahrt noch mit.

So kamen am Ende sechs gültige Wettfahrten für die Meisterschaft zusammen.

Und irgendwann hatte jeder persönlich entschieden, wann der eigene Comer-See-Akku endgültig leer war.

Holz. Natürlich wieder Holz.
Wer glaubte, mit der Entscheidung „Ich fahre jetzt rein“ sei die Sache erledigt, hatte die Rechnung allerdings ohne unseren alten Bekannten gemacht.

Das Schwemmholz war wieder da.

Das Landteam kämpfte inzwischen permanent darum, wenigstens eine halbwegs brauchbare Schneise zum Club freizuhalten. Kaum war eine Lücke geschaffen, schwammen die nächsten Äste, Stämme und Baumteile hinein.

Für jeden Heimkehrer sah die Situation deshalb etwas anders aus.

Die Glücklichen erwischten gerade eine freie Schneise und konnten irgendwie durchsegeln.

Die weniger Glücklichen standen vor einem geschlossenen Holzteppich.

Segel runter. Rein ins Wasser. Boot nehmen. Und dann das gute Stück schwimmend und ziehend zwischen Baumstämmen hindurch Richtung Land bugsieren.

Segelsport kann so elegant sein.

Chapeau ans deutsche Team
Und an dieser Stelle muss ausdrücklich etwas gesagt werden:

Chapeau an das deutsche Team.

Wer seine Wettfahrt beendet hatte und bereits an Land war, verschwand nicht einfach Richtung Dusche oder trockene Klamotten. Stattdessen standen die Leute wieder im Wasser, schoben Stämme zur Seite, hielten die Schneise offen und halfen den nächsten Seglern herein.

Das war nicht spektakulär. Es gab dafür keine Punkte. Keine Pokale. Keine Ergebnisliste.

Aber ohne diese Hilfe wäre der Weg zwischen Comer See und Land für einige ziemlich schwierig geworden.

Gegen 17 Uhr waren schließlich auch die letzten Segler wieder an Land.

Dann fehlte nur noch die Siegerehrung.

Die zog sich bis ungefähr 19.30 Uhr.

Und danach?

War endgültig Feierabend.

Sechs gültige Wettfahrten, Flaute, Regen, Kälte, Thermik, Starkwind, GPS-Bojen mit Freiheitsdrang und gefühlt der halbe Alpenwald im Comer See.

Mehr italienische Meisterschaft hätte in dieses Wochenende vermutlich kaum noch hineingepasst.

Team Deutschland bei der itralienischen Europe Meisterschaft 2026