Varista Seggerling Cup & Meckatzer Europe Cup: Survival-Training & Genuss
Es gibt Regatten, da spricht man hinterher über Winddreher, Startlinien und Taktik. Und dann gibt es Wochenenden wie den 13. und 14. Juni 2026 am Rottachsee. Da spricht man über Fallböen, Windstärken, Wellenberge, Heldentaten, Kässpatzen, Gyros – und darüber, dass Segeln manchmal einfach die schönste Form von Wahnsinn ist. Parallel gingen an diesem Wochenende der Varista Seggerling Cup mit 10 Meldungen und der Meckatzer Europe Cup mit 17 Meldungen an den Start. Also eigentlich. Denn der Wind hatte eigene Pläne. Große Pläne. Sehr große Pläne.
Wetterkino mit ordentlich Dynamik
Schon die Tage vorher war klar: Deutschland steht auf Durchzug. Nach sehr kalten Nächten wurde es langsam wieder wärmer, dazu blauer Himmel, Sonne – und schwarze und weiße Wolken, die in dicken Paketen über den See jagten. Glasklare Sicht, saubere Luft und eingebaute Windmaschine auf Stufe „sportlich bis leicht irre“. Der Rottachsee sah fantastisch aus. Und gleichzeitig so, als würde er sagen: „Na, traut ihr euch?“
Freitagabend: Kässpatzen für 30 Segler
Schon am Freitagabend wurde die Grundlage gelegt. Frische Kässpatzen für 30 Segler. Und wer nach Anreise, Aufbau und erstem Wettercheck eine dampfende Portion Kässpatzen bekommt, weiß: Dieses Wochenende meint es gut, weil Kässpatzen sind im Allgäu ja kein Gericht. Sie sind eine Haltung.
Stimmung: bestens.
Teller: voll.
Vorfreude: groß.
Windprognose: eher frech.
Am Samstag hieß es erst einmal: Startverschiebung.
Nicht, weil niemand Lust hatte. Sondern, weil zu viel Wind auf dem See stand. Und wenn am Rottachsee zu viel Wind steht, dann steht er nicht einfach nur herum. Dann springt er. Dreht. Pfeift. Fällt von oben ein. Und macht aus harmlosen Wasserflächen ein ziemlich lebendiges Fitnessstudio mit weißen Schaumkronen.
Die Europes gehen raus – die Seggerlinge bleiben klug
Die meisten Seggerlinge blieben am Samstag an Land. Bei diesen Verhältnissen war das keine Schwäche, sondern gesunder Menschenverstand. Mit ihren doch sehr üppig betuchten Jollen war die Gefahr, dass etwas kaputtgeht doch recht groß. Relativ vereint, waren sie am Anfang, die Segler.
Die Europe-Segler waren gespalten. Während manche wenige schon über fantastische Segelbedingungen schwadronierten, waren die Hälfte schon eher skeptisch.
Und dann wurde es ernst.
Drei Wettfahrten für die Europes
1. Wettfahrt:
5 bis 6 Beaufort, in Böen teilweise 7. Also kein Segeln, sondern Charakterbildung mit Pinne.
2. Wettfahrt:
4 bis 5 Beaufort, in Böen 6, dazu stark drehend. Böen mit 20 bis 25 Grad Dreher. Da konnte man Pläne machen. Der Wind hatte trotzdem bessere.
3. Wettfahrt:
5 Beaufort, mit wenigen Böen um gute 6. Für diesen Tag fast schon die gemütliche Nachmittagsvorstellung. Also relativ. Sehr relativ.
Das Ganze war weniger entspanntes Dahingleiten als vielmehr Survival-Training mit Segelnummer. Sportlich könnte man sagen. Sehr sportlich. Da wurden nicht nur Segel, sondern auch Nerven, Oberschenkel und Reaktionsvermögen einmal kräftig durchgewaschen. Aber: Die Sonne kam tagsüber immer wieder durch, es wurde warm, die Stimmung war superklasse. Der Wind blieb zickig. Aber irgendwie auch klasse sympathisch.
Kurzes Dreieck, großes Danke
Am hinteren Teil des Sees baute sich zusätzlich eine ordentliche Welle auf. Teilweise fast einen Meter hoch und sehr knapp nacheinander. Und wer den Rottachsee kennt, weiß: Das ist dann kein nettes Plätschern mehr, sondern eine Einladung zum Fluchen in mehreren Dialekten. Zum Glück setzte die Wettfahrtleitung das Dreieck relativ kurz. So musste niemand in den unteren Teil des Sees, wo die Welle richtig unangenehm wurde. Eine sehr gute Entscheidung. Souverän, umsichtig und mit viel Gefühl für die Bedingungen. Ganz großes Danke dafür.
Und überhaupt: Die Sicherheit auf dem Wasser war jederzeit spürbar. Durch die Rettungsboote, durch die Aufmerksamkeit der Wettfahrtleitung und durch Markus, der wie immer als Bojenleger unterwegs war und auch Rettungseinsätze fuhr, fühlte man sich trotz dieser wilden Bedingungen gut aufgehoben. Das muss man an so einem Wochenende erst einmal schaffen: Wind wie im Schleudergang – und trotzdem Vertrauen auf dem Wasser.
Anlanden mit Fallböen: Teamwork statt Hafenkino
Wer nicht draußen war, war deshalb noch lange nicht untätig. Besonders stark war, wie die an Land gebliebenen Seglerinnen und Segler beim Anlanden halfen. Und das war bei diesen Böen wirklich kein kleiner Freundschaftsdienst. Teilweise kamen die Böen als Fallböen über den See. Da wird aus „Ich lege mal eben an“ schnell ein sehr dynamisches Gemeinschaftsprojekt mit nassen Beinen, vollem Körpereinsatz, langen Armen und erhöhtem Puls.
Aber genau da zeigte sich, was so ein Regattawochenende ausmacht: Zusammenhalt. Aufmerksamkeit. Anpacken. Kein großes Gerede, einfach helfen. Großartig.
Samstagabend: Gyros, Salate und Tzatziki gegen den Muskelkater
Nach diesem Samstag war klar: Die Segler hatten sich ihr Abendessen verdient. Sehr verdient. Es gab Gyros, viele Salate und ein wunderbares Tzatziki. Und plötzlich war alles wieder gut. Der Wind wurde etwas schöner geredet, die Böen wurden in den Erzählungen noch ein bisschen größer, und jeder wusste: Genau deshalb fährt man Regatta. Wegen dieser Mischung aus Anstrengung, Adrenalin, Gemeinschaft und Essen, das nach so einem Tag doppelt so gut schmeckt.
Sonntag: Auch die Seggerlinge starten
Am Sonntag gingen dann beide Klassen aufs Wasser. Für die Seggerlinge und die Europes gab es eine Wettfahrt bei 4 bis 5 Beaufort, in Böen 6 und weiterhin drehendem Wind. Auch das war kein Spaziergang. Aber nach dem Samstag hatte sich die Definition von „viel Wind“ bei einigen vermutlich ohnehin verschoben. Bei den Europes standen am Ende vier gültige Wettfahrten. Damit gab es einen Streicher. Und damit auch ein Ergebnis, das zu diesem wilden Wochenende passte.
Nicht alle gingen raus – völlig nachvollziehbar
Bei den Europes starteten fünf Segler gar nicht. Bei den Seggerlingen gingen vier Boote überhaupt nicht an den Start. Und ehrlich: Bei diesen Bedingungen war das absolut nachvollziehbar. Regatta ist Sport. Aber Regatta ist auch Einschätzung. Material, Können, Bedingungen, Bauchgefühl. Wer draußen war, hatte alle Hände voll zu tun. Wer drinnen blieb, hatte gute Gründe und einen ehrlichen Blick auf sich selbst. An diesem Wochenende musste niemand beweisen, dass der Rottachsee stärker sein kann als man selbst. Das wusste man auch so.
ERGEBNISSE
Meckatzer Europe Cup:
Bei den Europes dominierte ein starkes Trio mit deutlichem Abstand zum restlichen Feld.
1. Platz: Paul-Jannik Haufe
2. Platz: Sandra Diebel
3. Platz: Annika Haufe
Das war echte Segelpower. Und dazu Frauenpower satt auf den Plätzen zwei und drei. Diese drei Segler hingen die Messlatte sehr hoch. Chapeau! Böen? Dreher? Druck? Alles offenbar nur zusätzliche Dekoration. Respekt. Das war stark.
Varista Seggerling Cup:
Bei den Seggerlingen setzte sich Jörn Töne durch.
1. Platz: Jörn Töne
2. Platz: Achim Ramp
3. Platz: Thomas Böttinger
Auch hier: starke Leistung bei Bedingungen, bei denen schon das sichere Ankommen ein eigener kleiner Pokal gewesen wäre.


Was sonst noch erwähnenswert war
Pluspunkte: 800 Kilometer Anfahrt – für Wind, Welle und Kässpatzen
Besonders schön: Der am weitesten angereiste Teilnehmer hatte rund 800 Kilometer Anfahrt. Und er kommt schon seit einigen Jahren immer wieder an den Rottachsee.
Auch die zweitweiteste Anreise war beachtlich: 600 Kilometer vom Mondsee. Auch diese Segler sind seit Jahren regelmäßig dabei.
Das sagt viel über diese Regatta. Über den See. Über den Verein. Über die Stimmung.
Quintessenz:
Ein Wochenende wild, spannend, außergewöhnlich und schön.












